Besucher online

Wir haben 5 Gäste online

Besucher gesamt

Seitenaufrufe : 796661
Wir befreiten Helgoland / Krimi

Wir befreiten Helgoland
René Leudesdorff

Image

René Leudesdorff ist einer der beiden Studenten, die im Winter 1950/51 auf die menschenleere, dem Untergang geweihte Insel Helgoland fuhren...

...in diesem Buch erzählt er das dramatische Geschehen der ersten gewaltfreien Besetzung, nur fünf Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Die „friedliche Invasion“ löste eine Kette von Aktionen des „zivilen Ungehorsams“ bei Polizei, Behörden und Politikern aus. Die britische Siegermacht, die Helgoland damals als Bombenziel missbrauchte und im Begriff war, das Felseneiland nachhaltig zu zerstören, sah sich durch die Aktion und ihre Folgen schließlich gezwungen, die Insel herauszugeben. Zugleich setze das Vorgehen der „Befreier“ ein unübersehbares Signal für das Heimatrecht und ein geeintes Europa.

Packend schildert Leudesdorff in diesem quasi historischen Krimi aus eigenem Erleben die dramatischen Ereignisse und entfaltet zugleich aus Gesprächen mit Zeitzeugen und vielen geheimen Dokumenten eines der spannendsten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Ein Thema, das auch fast sechzig Jahren danach und in einer Welt voller Gewalt und Terror nichts an Aktualität eingebüßt hat.

ISBN 978-3-931735-24-1 • 286 S. - 24,5 x 17,5 cm • 24,95 Euro

Autor


Image
Rene Leudesdorff (Foto: dpa)

René Leudesdorff wurde am 18. Februar 1928 in Berlin geboren. Er ist evangelischer Geistlicher und Autor und war einer der beiden Studenten, die im Winter 1950/51 auf die menschenleere, dem Untergang geweihte Insel Helgoland fuhren. Leudesdorff wurde später Pfarrer. Er war zwölf Jahre Geschäftsführer des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau (Frankfurt) und anschließend zehn Jahre Pfarrer in Dagebüll/Nordfriesland. Von 1990 bis 1995 stand er als Kommunikationschef im Dienst der Christoffel-Blindenmission in Bensheim.
Von 1998 bis 2003 lebte Leudesdorff in Jerichow, wo er sich für den Erhalt der romanischen Klosteranlage engagierte. Zu diesem Zweck gründete er den Förderverein "Erhaltet Kloster Jerichow!" (Schirmherr Bundesverteidigungsminister a.D.Volker Rühe). Leudesdorff verhinderte den Umbau der Klosteranlage zu einer Nobelherberge mit Spitzengastronomie und regte stattdessen ein Europäisches Romanikzentrum (ERZ) als Forschungs- und Bildungseinrichtung in der Klosterklausur an. Eine weitere Initiative Leudesdorffs ist die Evangelische Zehntgemeinschaft. Jährlich opfern rd. 45 Pfarrer im Ruhestand ein Zehntel ihrer Zeit der Vertretung von Kolleginnen und Kollegen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

Nachdem auch das ERZ in Jerichow nicht zustande kam, wurde es am 10. Juli 2006 unter seiner Leitung in Halle gegründet und nahm mit interdisziplinärem Vorstand (Vorsitz: Prof. Dr. Wolfgang Schenkluhn) und internationalem Beirat im Sommer 2007 seine Arbeit auf. Es soll als An-Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ab Juni 2008 in der Domklausur zu Merseburg residieren.

Leudesdorff begleitete den Deutschen Evangelischen Kirchentag über 50 Jahre und hat als Journalist und Publizist zahlreiche Artikel und Bücher verfasst.

Der Sohn der Bauhaus-Künstlerin Lore Ribbentrop-Leudesdorff ist langjähriges Mitglied im Vorstand des Bauhaus-Archivs.

 

(Wikipedia)

Image Rene Leudesdorff im Internet

Leseprobe

Heiße Diskussion - kühne Idee
Freitag, 8. Dezember 1950, fünf Uhr nachmittags, in Raum 2 der Universität Heidelberg, Hauptgebäude unten rechts, herrscht dicke Luft. Das sonst eher kahle Sitzungszimmer des Allgemeinen Studentenausschusses ist zum Bersten gefüllt: Zigarettenqualm, verbrauchte Luft, feuchte Mäntel am Fenster, Aktentaschen, Hüte, Schirme, Netze auf Schränken und Regalen - und vor allem sechzig erhitzte Gemüter, Studentinnen und Studenten. Ich quetsche mich zwischen die Zuhörer. Das Thema, dessentwegen die normale AStA-Sitzung solchen Zulauf hat, ist hochbrisant: „Punkt eins der Tagesordnung:", lässt sich der Vorsitzende, Olaf Lingner, vernehmen, „Befragung der Studentenschaft zum pro und contra einer Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland. Mehrere Kommilitonen verschiedener Fakultäten haben mich gebeten, diesen Punkt auf die Tagesordnung zu setzen, weil sie der Meinung sind, hier dürfe die studentische Jugend nicht einfach schweigen. Es sei unsere Pflicht, zu dem Plan einer Remilitarisierung Westdeutschlands Stellung zu nehmen."

Eine Studentin meldet sich zu Wort: „Ich bezweifle, Herr Lingner, dass wir das hier überhaupt können. Der Allgemeine Studentenausschuss ist ein Organ der Studentenschaft und der Universität. Wir haben studentische Rechte zu vertreten. Wir können und müssen sogar Hochschulpolitik betreiben, das ist selbstverständlich. Ich bin auch durchaus dafür, dass Studenten sich außerhalb der Universität politisch betätigen - damit man mich nicht missversteht. Aber haben wir das Recht, als Studentenschaft unsere Meinung gleichsam offiziell zu allgemein-politischen Angelegenheiten zu äußern? Ich möchte das bezweifeln."
Olaf Lingner, zugleich auch Fachschaftsvertreter der Theologen, widerspricht: ,Wir haben das Recht dazu, und zwar aus mehreren Gründen. Einmal natürlich, weil das Grundgesetz die Meinungsfreiheit garantiert.3 Es ist ja noch gar nicht so lange her, wir alle haben das erlebt, dass sich Studenten zwar politisch äußern durften, ja sogar sollten und mussten; aber alle Meinungsäußerungen hatten sich streng an die Sprachregelungen der Nationalsozialistischen Partei zu halten. Wer opponierte, kam ins KZ oder an den Galgen - denken Sie nur an die Geschwister Scholl in München. Ich meine, wir haben die durch den Sieg der Alliierten neu geschenkten Rechte, allen voran das der Meinungsfreiheit, schon wieder preisgegeben, wenn wir davon keinen Gebrauch machen. Damit will ich hier nicht pro oder contra Remilitarisierung sprechen, sondern zunächst nur dafür, dass wir über den engen Universitätsbereich hinausdenken und -sprechen. Lassen Sie mich einen zweiten Grund nennen. Wenn wir zurückblicken in die Geschichte der Studentenbewegung, dann sehen wir an mehreren entscheidenden Punkten der jüngeren deutschen Geschichte, dass wesentliche Anstöße für die politische Entwicklung von den Studenten ausgegangen sind. Selbstverständlich war das berühmte Wartburgfest von 18174 nicht eine innerstudentische Sache sondern eine politische Demonstration. Was damals unsere akademischen Vorfahren als junge Leute bewegte, das setzte dieselbe Generation, inzwischen älter geworden, bei der bürgerlichen Revolution von 1848 in direktes politisches Handeln um. Wollen wir uns, ehe man uns das Reden verbietet - und das geschah in der Metternich'schen Epoche ja nicht zu knapp - den Mund selber zukleben? - Und noch ein letztes: Wir haben hier in Heidelberg schon einmal politisch demonstriert, und das hat bundesweites Aufsehen erregt. Wissen Sie noch, vor einem Jahr, als wir uns wegen der Fahrpreiserhöhung der Straßenbahn zu Hunderten auf die Schienen in der Hauptstraße setzten? Gewiss, da waren unsere eigenen Interessen, unser Geldbeutel berührt. Aber ist das bei einer eventuellen Wiederbewaffnung nicht der Fall? Wir und unsere Gleichaltrigen in Fabriken und Betrieben, wir müssten doch wieder die Waffe in die Hand nehmen."
„Darf ich Sie an dieser Stelle unterbrechen.'' mischte sich Hans-Stephan Neubert, Vertreter der Naturwissenschaftler, ein. „Wir haben vor allem wegen der Wiederbewaffnung, die ja unsere Studentenschaft schon seit Semesterbeginn zu den heftigsten Diskussionen veranlasst, eine Menge Kommilitonen aller Fakultäten hier im Raum. Ich halte es für sinnvoll, auch ihnen ausnahmsweise Rederecht zu erteilen, um ein besseres Meinungsbild in dieser umstrittenen Sache zu erhalten." - Beifall durch Klopfen der meisten Anwesenden, und von den siebzehn AStA-Mitgliedern stimmt die Mehrheit dafür, so dass nun die offene Debatte beginnen kann.
Eine Studentin meldet sich zu Wort: „Ich finde den Gedanken, dass meine Kinder einmal wieder Krieg führen sollten, einfach grauenerregend. Der letzte Krieg ist jetzt erst fünfeinhalb Jahre vorbei. Dazwischen hat es vor zwei Jahren einen Krieg um Israel gegeben, gewiss ein kleiner Krieg, aber es ging wieder um die Vernichtung der Juden, diesmal durch die Araber7. Er wurde zwar mit Hilfe der UNO beigelegt, aber wer weiß, wie viele Kriege uns dort noch drohen. Jetzt haben wir den Korea-Krieg9, der nicht minder mörderisch ist. Wie es aussieht, wird Südkorea kommunistisch, oder zumindest bleibt das Land geteilt, wie Jerusalem, wie Berlin, wie Deutschland. Sollen wir durch eine Bewaffnung in West- und dann sicher auch Ostdeutschland die Teilung zementieren? Ich bin also für den geplanten Protest."
„Aber Ihre Argumentation widerspricht sich doch!" ruft ein Jurist aus der Zuschauerreihe. „Sie müssten doch, gerade wenn Sie für Frieden in Deutschland und Europa eintreten, für einen westdeutschen Verteidigungsbeitrag sein Denken Sie an die Schweizer. Gerade ihre bewaffnete Neutralität hat sie im Zweiten Weltkrieg vor dem Einfall deutscher Truppen geschützt. Also: wenn Sie wollen, dass sich der Osten nicht an uns herantraut, müssen Sie gerade mit Rück sieht auf Ihre Kinder für eine Wiederbewaffnung stimmen."

Pressebericht

 


Helgolands Befreier wird 80
 
Timo Lindemann

Flensburg

Den Titel "Retter Helgolands" findet er übertrieben, doch seiner geschichtlichen Bedeutung ist sich René Leudesdorff durchaus bewusst. "Die Insel wäre ein paar Jahre später auch ohne uns an Deutschland zurückgegeben worden", sagt der ehemalige Pastor. Durch seine abenteuerliche Aktion sei es eben etwas schneller passiert. "Das Ziel war wichtiger als das Abenteuer", betont der Pensionär, der heute 80 Jahre alt wird.

Rückblende: Es ist Ende 1950. Der Theologiestudent Leudesdorff aus Heidelberg und sein Kommilitone Georg von Hatzfeld setzen auf das britisch besetzte Helgoland über und hissen dort eine Europa- und eine Deutschlandflagge. Die geräumte Insel war damals Übungsziel für britische Bomber. Es habe einen Widerspruch in der Politik gegeben, so Leudesdorff. "Auf der einen Seite sollte Deutschland wieder bewaffnet werden, um den Westen zu verteidigen, auf der anderen Seite wurde deutsches Gebiet noch vom Westen bombardiert." Darauf habe er hinweisen wollen. "Wir hatten vier Ziele: Wir waren gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, das Bombardement der Insel sollte aufhören, die Helgoländer zurückkehren und zuletzt ein vereintes Europa", erzählt Leudesdorff, der heute in Flensburg wohnt. "Es gab das erste Mal das, was man heute zivilen Ungehorsam nennt".

Die friedliche Protestaktion, die zwei Journalisten begleiteten, wurde europaweit bekannt. Die britische Regierung geriet unter Druck, sodass die Verhandlungen über die Freigabe der Insel wieder aufgenommen wurden. Am 1. März 1952 war es dann so weit: Helgoland gehörte wieder zu Deutschland, und die Helgoländer Bevölkerung konnte nach Bombenräumung und Wiederaufbau auf die Insel zurückkehren. Noch heute ist Leudesdorff stolz auf den Coup.

1993 zeichnete der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker ihn und von Hatzfeld für die wohl erste deutsche gewaltfreie Aktion nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse aus.

Seinen Geburtstag feiert der Jubilar nicht auf der Hochseeinsel, wo er noch vor ein paar Tagen war, sondern mit seiner Familie in Baden-Württemberg, doch danach will er schnell zurück nach Flensburg: "Ich liebe den Norden."

(dpa)


 
© 2010 Hannah-Verlag
Joomla! is Free Software released under the GNU General Public License.