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Auftrag Havanna / Krimi

Auftrag Havanna
Herbert O. Glattauer

Titel Auftrag Havanna

Der Besuch von Papst Johannes Paul II. bei Fidel Castro hielt die Welt in Atem. Doch was hat der Vatikan damit zu tun, daß der kubanische Geheimdienst sechs Wochen später versucht, den Mord an einer jungen Wiener Urlauberin zu vertuschen ...

... oder war Doris in Kokain-Geschäfte verwickelt? Da erhält der ehemalige Kriegsberichterstatter Daniel Gregor einen Auftrag. Herbert O. Glattauer schildert in diesem Thriller die Jagd nach den Drahtziehern eines geradezu ungeheuerlichen Verbrechens - und das Schicksal einer Liebe im Schatten des socialismo tropical.

ISBN 3-931735-07-9 • 420 Seiten • 15 Euro

Autor

Herbert O. Glattauer
Herbert O. Glattauer

Herbert O. Glattauer, 1936 in Wien geboren, begann nach dem Gymnasium zunächst als Reporter. Er schrieb, malte und komponierte - und verdiente seinen Lebensunterhalt als Industrie- Nachtwächter und Druckereiarbeiter, als Hotelportier, Kellner und Barpianist in Zürich, er arbeitete als Privatchauffeur bei einem amerikanischen Wirtschaftsmanager, war Schauspieler einer Wanderbühne und Schlagersänger. Schließlich wandte er sich wieder dem Journalismus zu, wurde Mitbegründer einer Tageszeitung in Zürich, Redakteur für Außenpolitik in Wien und Chefreporter in Hamburg. 1975 erhielt er den Publizistikpreis für Medizin der Österreichischen Ärztekammer. Als Kriegskorrespondent berichtete er u.a. aus Vietnam, Kambodscha, Israel, dem Libanon und aus Nicaragua. Von 1991 bis 1997 hatte er Lehraufträge am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck und an der Martin- Luther- Universität Halle- Wittenberg. Glattauer lebt als freier Schriftsteller in Halle an der Saale. “Auftrag Havanna" ist nach zwei Sachbüchern, einer Sammlung Kurzkrimis und dem Drehbuch zu “Die 7 Ohrfeigen" (mit Paul Dahlke u. Diana Körner) sein erster Roman.

Stimmen zum Buch

Fesselnder Thriller in ungewöhnlicher Umgebung

Rezensentin/Rezensent bei amazon:
Florian Becker aus Bad Waldsee, Deutschland

Herbert O. Glattauer versteht es nicht nur, eine eine spannende Geschichte mit überraschendem Ende zu erzählen, sondern zeichnet in Form dieses Thrillers auch ein sehr feinfühliges und authentisches Bild der Stimmung in Cuba unter dem Eindruck des Papstbesuchs. Fazit: Unbedingt lesenswert für Krimi- und Cubafans!!

 

DER STANDARD (Wien)
schreibt (25. September 1998):

Wer würde nicht gern auf Kosten anderer Leute nach Kuba reisen und dort einen harmlos klingenden Auftrag erledigen? Greg hat es sich jedenfalls einfach vorgestellt, eine offensichtlich ihren bürgerlichen Eltern ausgerissene Tochter in Havanna ausfindig zu machen und zur Heimkehr nach Wien zu überreden.
Komisch ist nur, daß besagte Doris erstens Angst hat, zweitens behauptet, gar keine Eltern mehr zu haben und drittens mit einer Art Leibwächter versehen ist. Nachdem Greg sich mit der flüchtigen Dame bekannt gemacht hat, wird sie anderntags am Strand tot aufgefunden. Und sie ist keineswegs freiwillig ins Wasser gegangen.
Diverse merkwürdige Umstände machen diesen zunächst privat aussehenden Fall unversehens zu einem politischen. Bloß, welchem? Reformer, Revolutionäre, Bremser, Technokraten, Korruptionisten, Dealer, Armee, Polizei, Fluchthelfer, Geheimdienstler, Prostituierte, undurchsichtige Diplomaten und die behübschten Kulissen anläßlich des Papstbesuches sind schwer auseinanderzusortieren.
Und manchmal erkennt man erst ganz am Schluß, wer zu wem gehört. Greg stolpert jedenfalls in ein Labyrinth, aus dem er allein nicht wieder herausfinden kann und, wenn es nach ein paar einflußreichen Persönlichkeiten geht, auch nicht mehr herausfinden soll.
Glattauers Krimi ist nicht nur spannend, sondern auch bildend. Immer wieder sind kleine Schlenker über Bauten und Geschichte Kubas eingebaut. Jede Menge Lokalkolorit und detailfreudigeBeschreibungen des Lebens abseits der Touristenwelt ersetzen beinah einen Reiseführer.
Glattauer, umtriebiger Journalist mit unorthodoxer Biografie und jeder Menge Auslandsaufenthalten kann seine Erfahrungen gut rüberbringen und es gibt keinen Grund, das nicht auch in Form eines Krimis zu tun. (W.K.)

Leseprobe

Ich fand sie schneller, als ich erwartet hatte. Sie saß an der Bar im Hotel Colina  in La Habana Vedado, dem Hotelviertel der kubanischen Hauptstadt Havanna. Sie starrte, die Arme aufgestützt, den Kopf schwer in beide Hände gelegt, in ein leeres Rumglas. Die langen blonden Haare hingen bis zum Tresen hinunter, dazwischen blitzten übergroße goldene Ohrgehänge mit den Initialen CC, Designerschmuck von Chanel. Vor ihr stand eine Camel-Handtasche aus hellem Leinen. Rechts neben ihr saß ein farbiger Kubaner. Am linken Ende der Theke hielt sich ein offenbar ziemlich betrunkener Europäer an einem Bierglas fest, dem Aussehen nach ein Norddeutscher, Däne oder Schwede.

Das kann man kaum zu viele Gäste an einer Bar nennen, vor der noch sechs oder acht weitere Hocker warteten. Der Barkeeper, mit Haaren so grau wie sein Jackett, lehnte in der Ecke und kaute an einem Kugelschreiber. Es roch nach kaltem Rauch, Limettensirup und dem Meer. Die Klimaanlage schepperte, als wolle sie die Temperatur durch ihr Geräusch erträglich halten. Aus einem Kassettenrecorder, verstärkt durch zwei Lautsprecherboxen an der Decke, tönte der kubanische Gassenhauer "Lágrimas negras", sehr melodiös, sehr rhythmisch. Sehr traurig. Lágrimas negras. Schwarze Tränen.

An den kleinen weißen Metalltischen rund um eine winzige, buntgeflieste Tanzfläche saß niemand mehr. Es war zwei Uhr morgens, und das Colina gehörte nicht zu den Hotels mit turbulentem Nachtleben. Nur draußen in der Hotelhalle harrten noch einige Mädchen später Gäste, Männer natürlich. Die chicas trugen Leggins und rote Tops, gelbe Bodys und goldschimmernde Catsuits. Sie hatten, als ich hereingekommen war, hoffnungsvoll die Köpfe gehoben, waren mir aber nicht in die Bar gefolgt. Mein unfreundliches Kopfschütteln hatte sie davon abgehalten.

Ich setzte mich auf den linken Hocker neben Doris Donhauser, ohne daß sie es zu bemerken schien. Daß sie blond war, wußte ich von dem Foto, das mir ihre Eltern in Wien mitgegeben hatten. Daß sie aber in den Hotels von Havanna als la rubia de Austria bekannt war, überraschte mich. Die Blondine aus Österreich. Mit keinem sehr guten Ruf. Es wäre mir lieber gewesen, la rubia stammte aus Liechtenstein oder der Schweiz.

Sie kam mir irgendwie bekannt vor, schon als ich ihr Foto sah. Ich wußte aber nicht, so sehr ich mir auch den Kopf zermarterte, wann oder wo ich ihr begegnet sein könnte und ob überhaupt. Ihr Name sagte mir nichts, wie das Namen nun einmal so an sich haben.

Dem Kubaner neben ihr war ich aber bestimmt noch nie begegnet. Er saß da wie gemeißelt, regungslos, sportliche Figur, so weit ich das sehen konnte, ebenmäßige Gesichtszüge, ein Glas Tropicola vor sich. Ein hübscher, junger Mann, dachte ich, direkt dem Reiseprospekt von TUI entstiegen. Wären da nicht das Mienenspiel und der unstete Blick gewesen, hätte ich ihn tatsächlich für eine Werbeplastik gehalten. Ich wollte für mich zu Hause immer schon so eine  Dekorationsfigur besitzen, allerdings keine Plastik, sondern lebend, und keinen Kubaner, sondern einen richtig alpenländischen Opa, weiße Haare, weißer Bart, Hausweste, dicke Pantoffeln. Der hätte nichts anderes zu tun, als im Herrgottswinkel zu sitzen und Pfeife zu rauchen. Ich weiß, für eine Großstadt wie Wien wäre er recht ungewöhnlich, aber auf mich würde er beruhigend wirken. Tja, bis jetzt habe ich sowieso noch nichts Passendes gefunden. Und der Kubaner neben Doris Donhauser saß bestimmt nicht zur Dekoration hier. Er hatte mich vom ersten Augenblick an im Visier. Ständig wechselte sein Blick zwischen ihr und mir. Sie sah er besorgt an, hingebungsvoll. Mich aber hatte er erst skeptisch gemustert, dann ablehnend, jetzt schaute er böse herüber, herausfordernd. Sein Gesichtsausdruck verkündete so etwas wie wilde Entschlossenheit.

Ich kannte solche Typen aus meiner Zeit als Polizeipraktikant. Er war vermutlich ihr Leibwächter, einer, der darauf achten mußte, daß ihr nichts passierte oder sie ihrerseits nichts anstellte. Vielleicht war er auch ihr Zuhälter und wurde von ihr ausgehalten. Oder bloß ihr Liebhaber. In keiner dieser Rollen gefiel er mir.

Irgendwie paßte da etwas nicht zusammen.

Endlich hatte mich der Barkeeper im Auge. Er schlurfte auf mich zu und warf mir ein fragendes "¿Sí?" hin. Nicht nur Haare und Jackett waren grau, auch Gesicht und Hände.

"Ron con hielo", sagte ich, Rum auf Eis. Dann wandte ich mich zu der Blondine: "Für dich auch?" Ich sprach spanisch.

Die Frau schien wie aus einem Traum gerissen. Sie drehte sich so ruckartig zu mir herum, daß die Haare flogen. Sie sah mich groß an, erschreckt. Da war plötzlich Furcht in ihren Augen, die weit wurden. Ihr Blick hetzte gleichzeitig angsterfüllt durch den Raum, als würde von irgendwo Gefahr drohen. Instinktiv griff sie nach dem Arm des Kubaners.

Also doch. Leibwächter.

Aber dann schien ihr bewußt zu werden, was ich gefragt hatte. Sie nickte. "Sí." Während sie unaufhörlich weiter nickte, beruhigten sich ihre Augen. Sie musterte mich. Vermutlich taxierte sie mich jetzt, stoppte mich ab. Menschen, die etwas Übung darin haben, können das in Bruchteilen von Sekunden. Schließlich, als sie ihr Nicken beendet hatte, sah sie mich nur noch an.

Ich beobachtete den wechselnden Ausdruck in ihrem Gesicht. Täuschte ich mich? Mir schien, als hellte ihr Blick sich auf, als huschte ein Hauch von Erkennen über ihre Augen. Sie hielt sogar den Atem still, setzte an, etwas zu sagen. Na also, wußte ich's doch, daß wir einander kannten.

Wahrscheinlich nicht. Sie sagte nur: "Por favor." Wohlerzogene Mädchen sagen immer bitte. Das bezog sich aber immer noch auf den Drink. Offenbar hatte sie nur besonders eingehend mein Gesicht geprüft. Und immerhin für vertrauenswürdig befunden.

Schade. Es wäre einfacher gewesen, hätten wir einander gekannt. "¡Otro mas!", rief ich dem Grauen zu. Der richtete ein zweites Glas Rum auf Eis, ohne den Kugelschreiber aus dem Mund zu nehmen.

"Ich heiße Daniel", sagte ich. "Wie heißt du?"

"Doris", sagte sie. Das klang nicht unfreundlich, obwohl sich ihre Miene wieder verdunkelte.

"Doris? Sind Sie Deutsche?" fragte ich, jetzt aber auf deutsch.

Sie nickte zuerst. Dann schüttelte sie energisch den Kopf. "Ich bin Österreicherin."

"Also für eine Kubanerin hätte ich Sie sowieso nicht gehalten. Ich bin auch Österreicher, aus Wien." Ich kam mir beinahe schäbig vor. Du bist doch ein nettes Mädchen. Könnten wir die Sache nicht schneller hinter uns bringen? Ich nehme dich an der Hand, bringe dich nach Wien zu deinen Eltern zurück, kriege mein Geld, und die Welt ist wieder in Ordnung.

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