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Der Pfahlschnitzer
Antje Babendererde

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Auf der Suche nach Jim Claplanhoo, dem Vater ihrer Tochter, kehrt die Deutsche Hanna Schill in die Makah Indianerreservation zurück, von wo sie Jim vor fünf Jahren für den Auftrag eines Völkerkundemuseums nach Deutschland geholt hatte...

Nachdem sie in Neah Bay durch ein defektes Geländer von der Steilküste stürzt, rettet ihr ein zufällig anwesender Fischer das Leben. Greg Colfax ist Indianer wie Jim und ebenfalls Pfahlschnitzer. Hanna erfährt, daß Greg und Jim wie Brüder aufwuchsen. Aber auch Greg Colfax weiß nichts über Jims Verbleib. Sie beschließen, gemeinsam nach ihm zu suchen.  Außerdem treibt Tsonoqa, die Wilde Frau aus dem Walde, ihr Unwesen in der Gegend. Während Hanna und Greg einander näherkommen, entdecken sie Stück für Stück Jim Claplanhoos wahre Identität. Am Ende offenbart sich ihnen ein furchtbares Geheimnis.

ISBN 3-931735-08-7 • 270 Seiten • 10 Euro

Autor

Antje Originalautor
Die Autorin mit einem indianischen Traumfänger

Antje Babendererde, 1963 in Jena geboren, machte Abitur in Gotha. Nach einer Ausbildung zur Töpferin arbeitete sie als Arbeitstherapeutin mit Kindern in der Psychiatrie. Seit 1987 lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Liebengrün, einem kleinen Dorf in Thüringen. Ihre Liebe zu Indianern und indianischen Themen hat Antje Babendererde schon als Kind entdeckt, als sie sich alle Defa-Filme mit Gojko Mitic anschaute - nach Möglichkeit mehrfach. Die Belagerung von Wounded Knee (1973) durch das US-Militär beeindruckte die 10jährige und gab ihr eine Ahnung von der Zerissenheit und Bedrängnis der indianischen Bevölkerung in den USA. Nach dem Fall der Mauer unternahm Antje Babendererde ausgedehnte Reisen nach Nordamerika und Kanada, unter anderem zu den Reservationen der Lakota, Navajo, Makah und Cree. “Der Pfahlschnitzer" ist der erste veröffentlichte Roman von Antje Babendererde. Bereits vorher erschienen ist die Erzählung “Es gibt einen Ort in uns". Weitere Romane von Antje Babendererde sind erschienen: "Der Walfänger" (2002), "Wundes Land" (2003) und "Der Gesang der Orcas" (2004).

Image Antje Babendererde im Internet

Stimmen zum Buch

Herausragend!

9. Oktober 2001
Rezensentin bei amazon:
Schakau, Petra aus Bad Oldesloe

Die Geschichte von Hanna und Greg ist von der ersten Zeile an spannend. Nicht nur die Charaktere und die Landschaft, sondern auch der indianische Hintergrund sind wunderbar und gefühlvoll beschrieben. Die Spannung läßt auch nicht zu wünschen übrig. Für Leser, deren besonderes Augenmerk der indianischen Bevölkerung Amerikas gestern und heute gilt, ist dieses schöne Buch absolut süchtigmachend. Ich kann es gar nicht abwarten, mehr von dieser sehr begabten Autorin zu lesen.

Einblick in die Indianer-Kultur

7. Juni 1999
Rezensentin/Rezensent bei amazon:
H.Hörath aus Erlangen

Hanna, eine junge Deutsche, kehrt nach über 5 Jahren in das Makah Indianerreservat zurück. Sie ist auf der Suche nach dem Vater ihrer Tochter Ola, den Pfahlschnitzer Jim. In Neah Bay trifft sie auf Greg Colfax, der ihr das Leben rettet und erfährt von ihm, daß er und Greg wie Brüder aufwuchsen. Aber auch Greg weiß nicht, wo Jim geblieben ist. Gemeinsam machen sie sich auf die Such nach ihm. In der Zwischenzeit ereignen sich seltsame Unfälle in dem Reservat, die sich ausschließlich gegen Besucher richten. Auch eine wilde Frau aus dem Wald treibt ihr Unwesen und selbst der Vater von Greg, Matthew scheint etwas zu verbergen. Während Hanna und Greg sich näherkommen, entdecken sie langsam aber sicher Jims wahre Identität und ein schreckliches Geheimnis. Ein fesselndes Buch über Sitten und Gebräuche in einer Indianerreservation.


Indianische Totempfähle

Norbert Mallik
Adlerpost
im April 1999

Totempfähle sind auch in Europa ein bekanntes Zeugnis indianischer Tradition. Sie kommen allerdings nur bei den Indianerstämmen an der Nordwestküste Amerikas und in Alaska vor. Sie stellen nicht, wie es ihr Name vermuten läßt, Totemtiere dar, sondern Würdezeichen und Wappentiere der Eigentümer. Somit dienen sie der Repräsentation und haben eine lange künstlerische Tradition, die erst so richtig in Schwung kam, als die Weißen auftauchten und Metalläxte mitbrachten.
Das war allerdings so ziemlich das einzig positive, was die Nordwestküstenindianer davon hatten, daß sie von den Weißen "entdeckt" wurden. Zwar kamen sie erst relativ spät mit den Weißen in Kontakt, doch auch bei ihnen hinterließen Kämpfe, Krankheiten und weiße Landpolitik ihre verheerenden Spuren, an denen sie noch heute leiden. Der Verkauf von kunsthandwerklichen Gegenständen und Tourismus, mitunter auch der Betrieb von Spielkasinos, sind ihre heutigen Einnahmequellen. Früher jagten sie keine Büffel, sondern Fisch und Wal. Erst voriges Jahr erhielt das Volk der Makah, von dem auch dieser Roman handelt, wieder die Erlaubnis, nach siebzigjähriger Unterbrechung eine begrenzte Anzahl Wale jagen zu dürfen. Die meisten der etwa 1500 Makah leben in Neah Bay, daß auch eine touristische Infrastruktur besitzt.
Auch die Romanfiguren sind in und um diesen Ort an der nordwestlichsten Festlandspitze der USA angesiedelt sind. Wie alle anderen Indianerstämme haben auch die Makah ihre Probleme, ihre Traditionen und Bräuche mit den Anforderungen des modernen Lebens unter einen Hut zu bringen. Angesichts der allgegenwärtigen weißen Übermacht droht ihnen die kulturelle und genetische Auslöschung, und Fremde stellen per se eine Bedrohung dar. An diesem aktuellen Konflikt knüpft der Roman von Antje Babendererde an. Hanna, eine indianerbegeisterte Deutsche Mitte 30, ist Mitarbeiterin in einem Völkerkundemuseum und auf der Suche nach dem Pfahlschnitzer Jim Claplanhoo. Sie hatte ihn vor 5 Jahren bei einem Besuch auf der Makah-Reservation kennengelernt. Jim kam daraufhin für einen Schnitzauftrag für einige Monate nach Deutschland, beide verliebten sich und Hanna bekam eine Tochter. Vorher jedoch verschwand Jim spurlos.
Die romantische Liebe zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen hat ihre ganz besonderen Tücken, aber auch Reize. Wie dem auch sei, Hanna ist nun nicht mehr ganz alleine, hat aber auch keine komplette Familie. Wie so viele alleinerziehende Mütter möchte sie zumindest ihrer Tochter Auskunft über ihren Vater geben können, und vielleicht auch den einen oder anderen Flicken an ihre Patchworkfamilie drannähen. Aber so einfach ist das nicht, schon gar nicht, wenn frau so weit von Zuhause weg ist und die Menschen nicht immer freundlich gesinnt sind. Wenn Hanna nicht Greg Colfax kennengelernt hätte, der sie erst einmal nach einem Unglücks-Fall aus dem Meer fischt und sich um sie kümmert, wäre sie vermutlich nie auf Jims schreckliches Geheimnis gestoßen. Zunächst einmal aber muß sich Hanna an die fremde Umgebung gewöhnen, an die Langsamkeit der indianischen Zeit, und daran, wie wichtig verwandtschaftlichen Beziehungen und Statusdenken für das Sozialgefüge der Makah sind. Und als Weiße löst sie zudem auch eine Menge bei den Makah aus, ganz davon abgesehen, daß sich auf der Reservation seltsame Vorfälle häufen, die scheinbar alle gegen Fremde und Touristen gerichtet sind.
Tsonoqa, die Wilde Frau aus dem Wald, treibt ihr böses Spiel in der Gegend. Da brodeln förmlich die Konflikte und der Stammespolizist Bill Lighthouse bekommt so kurz vor seiner Pensionierung in bester Hillermanscher Krimitradition noch einiges zu tun. Aber auch die Liebe kommt nicht zu kurz, und so dürfen die Leser erotische Überlebenstrategien der Makah und ihrer engsten Freundinnen Seite auf Seite miterleben. Man erfährt eine Menge über die alten Sitten der Küstenindianer, über Totempfähle, indianische Sklavenhaltung und die Bedeutung von Geschenken. Diese Traditionen leben weiter, doch sie sind nicht nur ein wertvolles Erbe, das es zu schützen und bewahren gilt, sondern sie behindern mitunter auch die Sicht auf die heutigen Verhältnisse. Werden die Makah als Stamm überleben, ohne sich völlig von der Außenwelt abzuschotten? Funktioniert der Austausch mit der weißen Kultur, ohne daß die Indianer überrollt und ihrer Eigenständigkeit und Herkunft beraubt werden?
Diese aktuellen Fragen werden in diesem Buch ansprechend und kurzweilig auf literarische Weise aufbereitet und beleuchtet, und man erfährt nebenbei eine Menge über die Nordwestküstenindianer. Ein lesenswertes und gut recherchiertes Indianerbuch, das erfreulicherweise ohne keulenschwingende Häuptlinge auskommt, und um so mehr Einblicke in ihre alltäglichen Probleme Ende des 20. Jahrhunderts gewährt. Die Autorin kombiniert Überlegungen mit Beobachtungen und stellt fest: “Weiße und Indianer tragen immer Wettkämpfe aus, egal, was sie gerade tun.” Man wünscht sich, daß sich beide an die Spielregeln halten, und weiß doch, daß es nur selten der Fall gewesen ist. Nicht nur die Ureinwohner Amerikas stellen Überlegungen an, was passiert, wenn die Weißen mit ihrem Latein am Ende sind, was diese aufgrund ihrer Erfolge nur selten in Betracht ziehen. Und tatsächlich sind die Fronten nicht mehr so eindeutig, und es geht für alle Beteiligten nicht zuletzt um ein würdiges Leben miteinander, und dazu muß man die jeweils anderen verstehen. Wozu dieses Buch durchaus beitragen kann.
Die Autorin Antje Babendererde stammt aus Jena und ihr Interesse für die Indianer wurde durch die Defa-Filme mit Goijko Mitic geweckt. Diese Filme stellen übrigens die Indianer zutreffender als die meisten West-Produktionen dar. Durch die Belagerung von Wounded Knee bekam die Autorin eine Ahnung von der schwierigen Situation der nordamerikanischen Ureinwohner. Sie hat vor diesem Roman die Erzählung »Es gibt einen Ort in uns« veröffentlicht.

Leseprobe

Weiße Nebelfetzen hingen in den zerklüfteten Felsen der Steilküste von Cape Flattery, und die Wellen des Pazifik schlugen sanft gegen das steinige Ufer. Eine späte Morgensonne kämpfte gegen die Feuchtigkeit und Kühle der Nacht. Hanna hatte ihre Hände auf die stabile Brüstung aus geschälten Rundhölzern gelegt, als sie in ihrem Rücken eine schattenhafte Bewegung wahrnahm. Sie drehte sich um, aber da war - niemand. Nur Büsche und Felsen. Dahinter der Wald. Dennoch empfand sie so etwas wie Anwesenheit, ein eigenartiges, unerklärbares Gefühl.
Aber schließlich schrieb sie diese seltsame Wahrnehmung ihrer Müdigkeit zu. Sie war die ganze Nacht durch gefahren, aufgeputscht durch das erregende Gefühl, wieder hier zu sein, im wilden Nordwesten dieses Kontinents. Amerika.
Hanna wandte sich um und blickte hinüber nach Tatoosh Island, einer kleinen Felseninsel mit einem Leuchthaus aus Stein. Dort drüben hatte sich nichts verändert, seit Jim Claplanhoo sie das erste Mal hierher geführt und ihr die Insel gezeigt hatte. Es war ein strahlend blauer Sonnentag gewesen, der Duft des feuchten Waldes schwer, und der Blick von der Steilküste eine Offenbarung. Von drei Seiten das Meer. Sie erinnerte sich daran, als wäre es erst gestern gewesen. Dabei waren inzwischen fünf Jahre vergangen. Ihr ganzes Leben hatte sich verändert, doch hier schien die Zeit stehengeblieben zu sein.
Ein Auftrag des Völkerkundemuseums, für das sie arbeitete, hatte Hanna damals auf die Olympic Halbinsel im Bundesstaat Washington geführt. Die hier lebenden Nordwestküstenindianer waren berühmt für ihre kunstvoll geschnitzten Totempfähle. Sie sollte einen Künstler finden, der einen Pfahl für das Museum schnitzte. Erst ganz am Ende ihrer Reise war sie nach Neah Bay gekommen und auf Jim Claplanhoo gestoßen, einen Pfahlschnitzer der Makah, der sich bereit erklärt hatte, sie nach Deutschland zu begleiten. Er hatte sie vor der Abreise ein wenig auf der Reservation herumgeführt. Auch hierher, an diesen magischen Ort. Beinahe knöcheltief waren sie in schwarzem Schlamm versunken, um den nordwestlichsten Punkt des amerikanischen Hauptlandes zu erreichen.
Diesmal hatte sie sich mit hohen Schuhen und alten Jeans auf einen abenteuerlichen Gang eingestellt, war aber von einem stabilen Steg aus Zedernholzplanken überrascht worden. Er führte vom Parkplatz durch das sumpfige Waldstück bis an die Steilküste. Der Steg war neu, höchstens ein paar Monate alt, der kaum eingesetzten Verwitterung des Holzes nach zu urteilen. Sollten die stolzen Makah ein Einsehen gehabt haben? War das Indianerreservat mit seinen landschaftlichen und kulturellen Attraktionen von nun an für Touristen zugänglich, ohne daß sie bei ihren Erkundungen Gefahr liefen, sich den Hals zu brechen?
Seufzend wandte Hanna den Blick von der Insel. Feuchtkalte Luft kroch in ihre Kleider. Die schwermütige Stimmung am Kap schlug sich auf ihre Seele und erinnerte sie daran, warum sie hier war: Sie hatte den Ozean überquert, um nach Jim Claplanhoo zu suchen. Denn Liebe hört nicht einfach auf, auch wenn man es sich manchmal sehnlichst wünscht. Sie hinterläßt Spuren, die wie unsichtbare Wegweiser durch das weitere Leben führen.
Hanna stieg drei Stufen zu einer kleinen Ausbuchtung hinunter, von wo aus sie die Felsenhöhlen sehen konnte. Tiefe Grotten im Gestein, deren Boden selbst bei Ebbe noch von Wasser bedeckt war. Schreie drangen aus dem Schatten der Felsenbucht. Sie beugte sie über die Brüstung, um besser in die Höhle hineinsehen zu können. Es waren große Seevögel, die ihre Nester darin hatten. Die Jungen schrien, wenn ihre Eltern mit Nahrung in den Schnäbeln vom Meer zurückkehrten.
Plötzlich ein anderes Geräusch. Ein leises Knarren, eine kaum wahrnehmbare Warnung des Material, bevor es nachgab. Das so fest anmutende Geländer löste sich in seine Einzelteile auf. Geistesgegenwärtig drehte sie sich um die eigene Achse. Ihr Schrei des Entsetzens gellte über das Wasser wie ein flacher Stein, der erst einige Male wieder aus der Oberfläche sprang, bevor er endgültig in die Tiefe versank.
Mit den Händen klammerte sie sich in das wilde Gestrüpp, das am Felsenrand wuchs, ihre Füße suchten verzweifelt nach einem Halt. Zentimeter für Zentimeter rutschte sie weiter nach unten. Die Aussichtsplattform war mehr als einen Meter über ihr, der Meeresspiegel zehn Meter unter ihr. Das Ende ihrer Reise. Sie schrie nicht. Keiner würde sie hören. Cape Flattery war wunderschön, aber eben nicht der Grand Canyon. Bis die ersten Besucher hier eintreffen würden, konnte viel Zeit vergehen - zuviel Zeit.
Sie würde sterben. Zwischen dem nahenden Aussetzen der Sinne und ihrer wilden Angst lag eine Welt von Bildern, die in einem wahllosen Durcheinander auftauchten. Sequenzen aus ihrer Kindheit, Eindrücke von Zärtlichkeit und von Einsamkeit. Das Fieber seelischer Verwundung. Dann sah sie sich selbst wie in einem Spiegel. Nackt und hilflos. Ihr Körper - von Angst überwältigt - bäumte sich auf. Selbsterhaltungstrieb hatte nichts mit Logik zu tun.

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